Leon und die vergessene Erinnerung

Geschichte 1 aus Benjamin und die Schneekugel der Erinnerung (Benjamin Band-1)

Leon drehte die Schneekugel hin und her. Sie war alt, sehr alt. Die Farbe der Prinzessin darin war ziemlich verbleicht. Er erinnerte sich an die junge, schöne Frau, die sie in sein Antiquariat gebracht hatte. Wobei, naja, Antiquitäten hatte er nur wenige; sein Geschäft würde er eher als hochwertigen Second-Hand-Shop bezeichnen.

Jedenfalls hatte die junge Dame diese Schneekugel zusammen mit einigen gut erhaltenen, alten Möbeln und einer monströsen Standuhr gebracht. Sie hatte alles von ihrer Großmutter geerbt. Doch jetzt zog sie ins Ausland und musste sich deshalb von einigem trennen.

Leon lächelte bei der Erinnerung, wie sie ihm ihr Herz ausgeschüttet hatte, als sie ihre Beweggründe für die Veräußerung dieser wichtigen Stücke erklärt hatte.

Er mochte solche Begegnungen. Und er mochte die Geschichten zu den Dingen, die er in seinem Laden hatte. Eigentlich mochte er seine Arbeit grundsätzlich. Aber trotzdem fühlte er sich in letzter Zeit irgendwie leer.

Vermutlich lag das ganz einfach daran, dass ihm seine vor vier Jahren verstorbene Frau immer noch jeden Tag fehlte.

Erleichtert stellte Leon fest, dass es Zeit war, sein Geschäft zu schließen. Um seinen deprimierenden Gedanken zu entkommen, entschied er sich, den Umweg durch den Park zu gehen. Die Natur, die großen Bäume und der Weiher mit den bunten Enten halfen ihm meistens, seine trübe Stimmung zu vertreiben.

Als Leon zum Weiher kam, setzte er sich auf seine gelbe Lieblingsbank und überschlug seine langen Beine. Er beobachtete die Enten, die trotz der Kälte nach Futter tauchten.

Leon schrak zusammen, als er neben sich einen kleinen Jungen bemerkte. War er vorher schon da gesessen? Leon schätzte ihn auf den ersten Blick auf Kindergartenalter, doch er realisierte in seinen grünblauen Augen die Schwere von Jahrhunderten.

Unauffällig schaute er sich um, doch er konnte keine Begleitperson zu dem Jungen entdecken. Er überlegte, wie er das Kind darauf ansprechen könnte.

Der Junge kam ihm zuvor.

„Dein Herz scheint traurig und leer zu sein“, sagte der Junge. Es war definitiv keine Frage. Wie konnte der Kleine in sein Innerstes sehen? Und warum klang er so sicher bei seiner Feststellung und so überhaupt nicht wie ein Kindergartenkind?

Leon sah den Jungen unsicher an. „Wie heißt du denn?“, fragte er schliesslich.

„Benjamin“, antwortete er und schaute ihm direkt in die Augen

Leon lächelte ihn an. „Hallo Benjamin. Ich bin Leon.“

Dann schaute Benjamin wieder auf den Weiher.

Leon sah ihn unsicher an. Er hatte nicht das Gefühl, dass Benjamin eine Reaktion von ihm erwartete. Doch sagte er leise: „Ja. Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal erfüllt gefühlt habe.“

Er suchte gedanklich nach Erinnerungen aus einer glücklichen Zeit.

Benjamin saß still neben ihm. Nach einiger Zeit räusperte er sich. „Warum sind deine Erinnerungen so leise?“, fragte er sanft.

Leon war fassungslos über die Tiefgründigkeit seiner Frage. Es war unglaublich.

Er dachte an seine Frau. Sie war die Laute gewesen; fast immer fröhlich und lachend, mit einem lustigen Spruch auf den Lippen.

Leon sah Benjamin an und gab ihm eine möglichst ebenso überlegte Antwort, wie er die Frage gestellt hatte.

„Meine Erinnerungen sind weggesperrt, weil sie mir Angst machen. Angst vor Schmerz und Einsamkeit.“

Benjamin nickte.

„Du hast sie zusammen mit Linda begraben.“

Woher kannte er den Namen seiner verstorbenen Frau? War ihm dieser Junge schon mal begegnet? Oder vielleicht seiner Frau? Leon war wie vor den Kopf gestoßen. Er konnte nicht antworten und senkte den Blick auf den Boden.

„Komm, wir gehen zu ihr“, forderte Benjamin ihn auf.

Die beiden sahen sich an und standen ohne weitere Worte auf. Benjamin ging voraus, Leon folgte ihm; gemeinsam verließen sie den Park.

Auf dem Friedhof gingen sie zum Grab von Linda.

Leon verstand immer noch nicht, wer Benjamin war und hatte ihn auch nicht danach gefragt. Er mochte nicht darüber nachdenken, sondern genoss die Wärme, die Benjamin ausstrahlte und war voll und ganz in dem Moment gefangen. 

Sie standen nebeneinander am Grab. Es war inzwischen dunkel geworden und der Friedhof war vollkommen verlassen.

In dieser Ruhe klang Benjamins Stimme trotz seiner sanften Aussprache enorm laut. „Es ist immer noch still. Die Erinnerungen scheinen doch nicht hier zu sein.“

Sie standen ruhig da, jeder in seiner eigenen Gedankenwelt.

„Was …“

„Ich …“

Sie lachten kurz, weil sie gleichzeitig zu reden begonnen hatten.

„Du zuerst“, lud Leon Benjamin ein.

„Was hat Linda besonders gern gemacht?“

Die Frage kam für Leon unerwartet, doch die Antwort fiel ihm leicht.

„Sie war so belesen“, sagte er lächelnd. „Sie konnte stundenlang in ihrem abgewetzten Sessel sitzen mit einem Buch in der Hand.“

Benjamin sah ihn nachdenklich an, ein wachsamer Blick, der viel Lebenserfahrung widerspiegelte. Dann plötzlich leuchteten seine Augen auf, wiederum ganz kindlich, und er sagte: „Wunderbar. Dann habe ich eine Idee.“

Er drehte sich um, zog Leon mit sich und Hand in Hand verliessen sie den Friedhof. Leon fragte nicht, wohin sie gingen oder was Benjamin vor hätte. Vertrauensvoll wie ein Welpe ging er neben dem so besonderen Menschen her.

Sie waren lange unterwegs. Wie lange, hätte Leon nicht sagen können. Es war bereits spät in der Nacht und sie gingen durch einen Stadtteil, den Leon noch nie besucht hatte. Und obwohl sie schon einen weiten Weg zurückgelegt hatten, fühlte sich Leon nicht müde.

Er war in Gedanken versunken, als Benjamin abrupt stehen blieb. Vor ihnen ragte ein großes Gebäude auf mit einer eindrucksvollen alten Holztüre. Benjamin löste sich von Leon, stieg die drei Stufen hoch und stemmte sich gegen die Türe. Sie öffnete sich geräuschlos und Benjamin gab Leon einen Wink, ihm in das Gebäude hinein zu folgen.

Sie betraten einen kleinen dunklen Eingangsbereich. Die Türe schloss sich leise hinter ihnen wie von Geisterhand.  Durch einen schmalen Durchgang folgte Leon Benjamin in einen weiteren Raum.

Leon staunte, als er den sechseckigen Raum betrag. Der grosse Saal hatte keine Fenster, aber riesige Hängeleuchten, die an langen Seilen von der Decke hingen, gaben ein angenehmes und warmes Licht.

Alle Wände waren mit Bücherregalen vollgestellt. Die Regale reichten vom Boden bis zur Decke auf rund vier Metern Höhe. Und sie waren alle voll mit Büchern. Wahnsinn, dachte Leon.

Er drehte sich einmal um die eigene Achse und staunte wie ein kleines Kind. 

Benjamin lächelte wissend. Er ging zu der Wand direkt neben dem Durchgang und nahm ein Buch heraus. Die Bücher sahen alle fast identisch aus; mit braunem Bucheinband, ohne Beschriftung auf dem Buchrücken; nur die Dicke der Bücher war unterschiedlich.

Benjamin schlug das Buch auf und begann zu lesen: „Ich war jung und wild.“

Leon spähte ihm über die Schulter – das Buch hatte leere Seiten.

„Wer hätte damals gedacht, dass ich mich in diese Richtung entwickeln würde“, las Benjamin weiter. „Ich erinnere mich gut an all die Einwände, die ich mir von Freunden und Familie anhören musste.“

Was ging hier vor sich? Leon war komplett überfordert. Er verstand nicht, in was er hier geraten war. Wieso ‚las‘ Benjamin von weissen Seiten? Wer war Benjamin? Warum hatte ausgerechnet er, Leon, ihn auf der Bank gefunden? Und wo genau waren sie hier?

Benjamin nahm seine Verunsicherung war und sah die vielen Fragen in seinen Augen.

Er schloss das Buch und stellte es zurück.

„Dies ist die Bibliothek der vergessenen Erinnerungen“, erklärte er.

Leon rann eine Träne über die Wange. ‚Vergessene Erinnerungen‘ – er fühlte, wie diese zwei Wörter mit seiner inneren Leere in Resonanz gingen. Wobei ‚verdrängte Erinnerungen‘ bei ihm eine noch passendere Bezeichnung wäre.

Doch so wie es schien, war er nicht alleine damit. So viele Bücher wie es hier gab, musste es viele Menschen geben, deren Erinnerungen vollständig verblasst waren.

„Möchtest du einen Kaffee?“, fragte ihn Benjamin und trat gleich darauf ins Wohnzimmer. Leon blinzelte und lachte dankbar. Obwohl er noch immer keinen Schimmer hatte, was genau vor sich ging, war er erleichtert, den wundersamen Jungen getroffen zu haben.

Benjamin stellte die dampfende Kaffeetasse auf das Beistelltischchen. Der Duft von dem frisch gebrühten Kaffee stieg Leon in die Nase. Das erinnerte ihn an Linda, wie sie mit ihren Freundinnen aus dem Buchclub im Wohnzimmer zusammen gesessen und über ein gemeinsam gelesenes Buch diskutiert hatte. Und immer ein Stück Zitronentorte und frischen Kaffee vor sich.

„Hat Linda den Buchclub selber gegründet?“, fragte ihn da Benjamin.

Leon sah in perplex an und nickte. Konnte der Junge Gedanken lesen?

„Weisst du, was passiert, wenn man Erinnerungen nur für sich behält?“

Leon schüttelte den Kopf. 

„Sie werden mit der Zeit leer.“

Leon setze sich in einen Sessel und schloss für einen Moment die Augen. Er musste das Gesehene und Erlebte sacken lassen.

Als er die Augen wieder öffnete, saß er in seinem Wohnzimmer in Lindas Lesesessel und die Sonne schien ihm auf die Füße.

Wie jetzt? War das alles etwa nur ein Traum gewesen? Aber Benjamin war ihm so echt vorgekommen.

Leon machte sich auf den Weg in sein Geschäft. Er wollte versuchen, sich mit Arbeit abzulenken und nahm sich vor, auf dem Heimweg wieder durch den Park und zur gelben Bank zu gehen.

Er beschäftigte sich mit Papierkram, konnte sich jedoch nicht recht konzentrieren. Sein Blick ging immer wieder zu der Schneekugel mit der Prinzessin. 

Schliesslich legte er seine Schreiber weg, ging rüber zu dem Gestell und nahm die Schneekugel in die Hand.

„Du erinnerst dich an die Frau.“

Leon schrak zusammen, als er Benjamins Stimme neben sich vernahm.

Er sah den Jungen an und nickte zustimmend. 

„Ja, ihre Erzählungen über die Großmutter und die Erbstücke haben mich berührt“, antwortete er gedankenversunken.

„Sie hat dir ihre Erinnerungen erzählt, damit sie weitergetragen und nicht leer werden“, ergänzte Benjamin.

Genau so war es, dachte sich Leon. Er schmunzelte. Aber … Moment! Das war es! Das war eine grandiose Erkenntnis.

Er strahlte Benjamin an und sprudelte los mit seiner Idee: „Genau! Genau so muss es sein. Ich habe so viele alte Dinge hier in meinem Geschäft und bestimmt gibt es zu jedem Gegenstand eine Geschichte. Eine Erinnerung!“

Die Gedanken wirbelten Leon durch den Kopf und ein Projekt nahm Form an.

„Statt nur Dinge zu verkaufen, gebe ich ab jetzt jedem Gegenstand eine Geschichte mit. Und wenn Kunden ihre Stücke zum Verkauf zu mir bringen, frage ich sie nach ihren Erinnerungen zu den Teilen.“

Was würde das für eine Fülle geben. Die Bibliothek der leeren Erinnerungen würde schon bald ziemlich schrumpfen.

Leon war begeistert von der Idee. Er wollte Benjamin vor Freude in die Arme schliessen, doch der war wieder wie vom Erdboden verschluckt.

Leon verfolgte seine Idee und um eine gute Basis zu schaffen, suchte er zuallererst zehn Dinge zusammen, die er mit einer besonderen Erinnerung an Linda verband.

Er organisierte kurzerhand einen Tag der offenen Tür im Geschäft mit dem Thema: ‚keine leeren Erinnerungen‘.

Er freute sich, wie zahlreich seine Kunden erschienen. Viele brachten Objekte mit und erzählten ihm eine Geschichte darüber. Oder die Leute suchten sich Gegenstände in seinem Laden und fragten ihn nach den Erinnerungen dazu.

Auch die schöne junge Frau, die ins Ausland gezogen war und deren Schneekugel das alles ausgelöst hatte, erschien. Gerade als er sie freudig überrascht begrüsste, entdeckte er durch das Schaufenster auf der Strasse vor dem Geschäft Benjamin. Der Junge lächelte Leon zu und winkte ihm. Leon sah kurz unschlüssig zu der Frau und wollte das Gespräch verlassen, doch als er wieder zur Strasse sah, war Benjamin bereits verschwunden. 

- E N D E -

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